Was bedeutet Adoleszenz, und wie kann man sie erforschen?

Rezension von Susanne Unger

Vera King:

Die Entstehung des Neuen in der Adoleszenz.

Indidividuation, Generativität und Geschlecht in modernisierten Gesellschaften.

Opladen: Leske + Budrich 2002.

285 Seiten, ISBN 3–8100–3562–9, € 24,90

Abstract: Vera Kings Buch beschäftigt sich mit der Frage, wie die Adoleszenz in westlichen modernisierten Gesellschaften am besten theoretisch zu verstehen und zu untersuchen sei. In ihrer Analyse der Bedeutung und des Verlaufs der Adoleszenz berücksichtigt King stets die unterschiedlichen Bedingungen und Faktoren, welche auf die Adoleszenz einwirken, so u.a. die Generationszugehörigkeit, Geschlecht und sozialer Hintergrund bzw. soziale Ungleichheit. Während sich der erste Teil des Buches mit wissenschaftsgeschichtlichen und methodologischen Fragen zur Adoleszenzforschung befasst, stellt King im zweiten Teil konkrete Analysen zu drei Schwerpunktthemen vor: Familie, Körperbedeutungen und Peer Group in der Adoleszenz.

In ihrem Buch Die Entstehung des Neuen in der Adoleszenz: Individuation, Generativität und Geschlecht in modernisierten Gesellschaften untersucht Vera King, wie Adoleszenz theoretisch konzipiert und erforscht werden kann. Dabei orientiert King sich an drei Achsen, die sie als „Referenzlinien“ bezeichnet: Generation, Geschlecht, und soziale Ungleichheit. In Kings Untersuchungen werden gesellschaftliche, soziale und individuelle Entwicklungen, welche die Ursprünge und Bedingungen der Adoleszenz darstellen, immer mit einbezogen.

Was stellt Adoleszenz dar?

In Anlehnung an Bourdieu beschreibt King Adoleszenz als ein durch das Moment des generativen Übergangs entstehendes Spannungsfeld, in welchem individuelle, soziale und gesellschaftliche Verhältnisse – z. B. soziale Ungleichheiten basierend auf Geschlecht oder Herkunft – sowohl reproduziert als auch infrage gestellt werden (S. 14, S. 50).

Im ersten Teil des Buches erstellt King eine Übersicht über die Geschichte der Jugend- und Adoleszenzforschung bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts und legt somit den theoretischen Hintergrund ihrer Arbeit dar. Im zweiten Teil des Buches stellt King konkrete Analysen zu drei Schwerpunktthemen vor: Familie, Körperbedeutungen und Peer Group in der Adoleszenz. Ein zusammenfassendes Schlusskapitel rundet das Werk ab.

Eine kurze Geschichte der Geschlechterverhältnisse in der Adoleszenz

King stellt einleitend fest, dass sowohl männliche als auch weibliche Adoleszenz lange Zeit nur unzureichend erforscht wurde (S. 64). Fragestellungen, welche sich z. B. mit den Bedeutungen von Familie, von Bezugspersonen und Rollenvorbildern befassten, seien kaum unter Betrachtung der Geschlechterrollen erforscht worden. Darüber hinaus fußten bisher existierende Adoleszenzmodelle meist auf traditionellen und dichotomen Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit und leisteten daher keinen Beitrag zu einem geschlechtersensiblen Verständnis der Adoleszenz (S. 65). King ihrerseits plädiert dafür, die „Vergeschlechtlichung“ der Adoleszenten unter Verwendung der Kategorien Individuation und Generativität zu analysieren, um so Konstruktionen von Männlichkeit und Weiblichkeit besser erfassen und hinterfragen zu können (S. 65).

Individuation und Generativität

Individuation beschreibt die adoleszente Selbstwerdung, welche sich durch eine Vielzahl von Prozessen und Mechanismen entwickelt. King postuliert, dass die „Entstehung des Neuen in der Adoleszenz“ in modernisierten Gesellschaften oft davon abhängt, „ob und in welcher Weise Individuation ermöglicht oder verhindert wird“ (S. 34, Kursiv im Original). Im Zuge der Selbstwerdung müssen die Adoleszenten lernen, ihre lebensgeschichtlichen Erfahrungen und Positionierungen so zu verarbeiten, dass sie neue Perspektiven und Handlungsräume erschließen (S. 34–35) und auf diese Weise zur Neuerung oder auch der Reproduktion der existierenden Verhältnisse beitragen.

Der Begriff der Generativität bezieht sich nicht nur auf die biologische Fortpflanzung der Individuen, sondern auch auf die gesellschaftlichen und kulturellen Traditionen und Wissensbereiche, die von Angehörigen einer Generation an die nächste Generation vermittelt werden. In modernisierten Gesellschaften, so King, gibt es keine festgelegten Rituale der Adoleszenz oder der Generativität. Stattdessen vertritt Generativität in diesen Gesellschaften den „Hintergrund und den Möglichkeitsraum dafür, dass Neues entstehen kann.“ (S. 60) Auf den Möglichkeitsraum, der dadurch entsteht, sowie auf den Möglichkeitsraum, den die Adoleszenz selber eröffnet, weist King im Laufe ihres Buches immer wieder hin, so z. B. im Schwerpunkt Familie in der Adoleszenz.

Familie in der Adoleszenz

Laut King stellen familiale Beziehungen eine wichtige Ausgangsbasis für adoleszente Entwicklungen dar (S. 103). Hier spielen sowohl die Bindungen zwischen Eltern und Kindern als auch Leitbilder und Lebensentwürfe der einzelnen Familienmitglieder, der Prozess der Ablösung von der Herkunftsfamilie und die Neuorientierung der Adoleszenten eine Rolle.

King untersucht, wie in der „adoleszenten Triade“ von Familie, Adoleszenten und Gleichaltrigen (S. 115) neue Entwicklungs- und Wandlungsprozesse entstehen können, infolge derer sich die Beziehungen innerhalb der Familie entwickeln und gegebenenfalls neue „Spielräume“ oder Möglichkeitsräume öffnen können (S. 52, 118). Diese neuen Entwicklungen sind nicht allein auf die Adoleszenten begrenzt: so kann die Adoleszenz der Kinder den Auslöser für neue Prozesse in Paarbeziehungen darstellen oder dazu führen, dass die Eltern mit ihren eigenen Adoleszenz- und Jugenderfahrungen konfrontiert werden (S. 118).

Auffällig ist hierbei, dass King in ihren Erörterungen stets von einem traditionellen, heteronormativen Bild der Nuklearfamilie ausgeht. Obgleich das Bild der traditionellen Familie weiterhin in vieler Hinsicht gesellschaftlich dominant ist, so entspricht es nicht länger der Realität, in der es längst eine Vielzahl von Familienformen und -konstellationen gibt. Alternative Familienformen jedoch (wie z. B. Patchwork-Familien, Alleinerziehende oder gleichgeschlechtliche Elternpaare), welche die von King vorgestellten Mutter-Tochter, Vater-Sohn bzw. Mutter-Sohn, Vater-Tochter Beziehungen infragestellen oder zumindest komplizieren könnten, werden an keiner Stelle erwähnt. Dies ist insofern bedauerlich, als eine Berücksichtigung dieser Veränderungen in der „modernisierten Gesellschaft“ sicherlich einen guten Anlass bieten könnte, bisher existierende Theorien zu erweitern bzw. zu revidieren.

Körperbedeutungen und Peer Groups in der Adoleszenz

Der geschlechtsreife adoleszente Körper, so King, signalisiert und verkörpert sowohl Individuation (Selbstwerdung) als auch Generativität der Adoleszenten. Gleichzeitig werden im Zuge der Adoleszenz aus Jungen Männern, aus Mädchen Frauen „gemacht“ (S. 168). Während der sich verändernde Körper auch auf den oder die Adoleszente selber noch fremd wirken mag (S. 170), so findet oft bereits eine „Einschreibung“ von Geschlechterbedeutungen in den Körper durch die Außenwelt statt. Diese Vorgänge können für Mädchen und Jungen von unterschiedlicher Bedeutung sein und stellen neue Anforderungen an die Adoleszenten dar (S. 172). So werden z. B. die Körper adoleszenter Mädchen oft auf „eindringliche und überwältigende Weise von außen sexualisiert,“ bevor die Mädchen selber den Übergang zwischen Kindsein und Erwachsensein psychisch nachvollziehen können (ebd.).

Im Schwerpunktkapitel „Peer Group“ untersucht King die „Facetten der Geschlechterverhältnisse im jugendkulturellen Raum.“ (S. 224ff). Immer wieder neu entstehende Jugendkulturen bieten Räume und Möglichkeiten, in denen sich Geschlechterbedeutungen inszenieren und verdichten, in denen sich Vergeschlechtlichungsprozesse reproduzieren und transformieren.“ (S. 101) Diese Prozesse finden u. a. durch die Körperinszenierungen weiblicher und männlicher Jugendlicher statt, und durch sie werden die bestehenden Geschlechterverhältnisse reproduziert oder neu entworfen. King betont, dass Peer Groups in vieler Hinsicht eine Art „Spielraum“ und Erprobungsraum für Adoleszente darstellen, in denen neue Identitätsentwürfe und Verhaltensweisen (oder „Handlungskompetenzen“) erprobt und einstudiert werden können (S. 203f.).

Ausserdem untersucht King „traditionelle“ geschlechtergetrennte Peer Groups auf ihre Bedeutung und Funktionalität für die jeweiligen Mitglieder hin. Während Mädchencliquen oft dazu dienten, auf die (hetero)sexuelle Initiation vorzubereiten bzw. diese zu begleiten, spiele in Jungencliquen der Erwerb einer männlichen (Gruppen-) Identität eine wichtigere Rolle, argumentiert King (S. 228ff., S. 233ff.). Hier wäre eine größere Differenzierung bzw. Verweise auf konkrete Studien sicherlich wünschenswert; gleichzeitig muss aber auch darauf hingewiesen werden, dass, wie von King selber bemängelt, weibliche Adoleszenzerfahrungen bzw. geschlechtersensible Adoleszenzprozesse in der Jugendforschung bisher weitgehend marginalisiert waren (S. 227). In diesem Bereich gibt es sicherlich noch Anknüpfungspunkte für weitere Forschungsprojekte, die sich expliziert und reflektiert mit dieser Thematik auseinandersetzen.

Fazit

Die Entstehung des Neuen in der Adoleszenz bearbeitet interessante Fragestellungen und vermittelt einen umfangreichen Überblick über die Wissenschaftsgeschichte der Jugend- und Adoleszenzforschung sowie über aktuelle Diskussionen zu Geschlecht in der Soziologie und Psychologie.

Während im Theorieteil sehr anspruchsvolle Ansätze entwickelt und vorgestellt werden, werden diese im zweiten Teil des Buches leider nicht im gleichen Ausmaß in die Praxis umgesetzt. Dies ist bedauerlich. Eine größere Differenziertheit in Kings Untersuchungen zu den Schwerpunktthemen und eine konsequentere Berücksichtigung unterschiedlicher Lebenssituationen, wie King sie nachdrücklich im Theorieteil einfordert, würden den Abhandlungen im zweiten Teil sicherlich zugute kommen.

Leider wird die Verständlichkeit des Werks erschwert durch einen äußerst komplexen Satzbau und durch eine Vielzahl von Fachbegriffen, deren Kenntnis vorausgesetzt wird. Die Rezensentin ist dennoch der Meinung, dass sich die Mühe lohnt: insbesondere der Theorieteil des Buches ist nicht nur lesenswert, sondern liefert auch viele gute Anregungen und Ansätze zu weiteren Forschungsfragen.

URN urn:nbn:de:0114-qn042030

Susanne Unger, M.A.

Ph.D. Studentin, Linguistische Anthropologie (Forschungsschwerpunkt Gender Mainstreaming und Gender Trainings im deutschsprachigen Raum), University of Michigan, Ann Arbor, Michigan, USA

E-Mail: ungersusanne@yahoo.com

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