Schöne Frauen – blasse Männer

Rezension von Holger Brandes

Birgit Schaufler:

‚Schöne Frauen – Starke Männer‘.

Zur Konstruktion von Leib, Körper und Geschlecht.

Opladen: Leske + Budrich 2002.

231 Seiten. ISBN 3–8100–3497–5, € 19,80

Abstract: Ziel von Birgit Schaufler ist es, mit dieser als Dissertation an der Universität Augsburg vorgelegten Arbeit der aktuellen Geschlechterdiskussion „neue Impulse“ zuzuführen, indem „das geschlechtliche Subjekt in seiner leib-körperlichen Existenzweise betrachtet wird“ (S. 205). Dieses ambitionierte Ziel wird mit einer theoretischen Standortbestimmung und einer historischen Quellenanalyse verfolgt, aber nach Meinung des Rezensenten nicht eingelöst.

Ein theoriegeschichtlicher Parcoursritt

Im ersten Teil ihrer Arbeit zeichnet Schaufler auf fast 80 Seiten die philosophische und geisteswissenschaftliche Tradition der Auseinandersetzung mit dem Leib-Seele-Problem nach, angefangen mit Platon und Aristoteles, über Descartes, Spinoza, Scheler, Plessner, Husserl, Merlau-Ponty, Marcel und Macha . Darüber hinaus werden Elias und Foucault ebenso wie die psychoanalytische und kognitionspsychologische Tradition und das Konzept des „Körperschemas“ von Paul Schilder auf das Problem der Differenzierung und des Zusammenhangs von Leib und Körper bezogen.

In dieser Weise den theoriegeschichtlichen Hintergrund einer Fragestellung auszuleuchten, ist zweifellos ambitioniert. In seinem Ertrag bleibt dieser für die Leser/-innen nicht immer leicht nachzuvollziehende Parcoursritt durch die Geistesgeschichte aber insofern fragewürdig, als das magere Resultat eines Definitionsversuchs von „leib-körperlicher Existenz“ mit der Differenzierung von „Leib-Sein“ im Sinne von Werden und Gewordensein und „Körper-Haben“ im Sinne von Körper-Erwerben (S. 77) diesen Aufwand kaum rechtfertigt.

Positionierung in der Konstruktivismusdebatte innerhalb der Geschlechterforschung

Konkreter auf aktuelle Theoriedebatten in der Geschlechterforschung geht Schaufler im zweiten Teil ihrer Arbeit ein, in dem sie sich ausführlich mit der insbesondere durch Butler angestoßenen Konstruktivismusdebatte auseinandersetzt. Hier zeichnet sie wichtige Diskussionsstränge nach und positioniert sich schließlich in Abgrenzung von einem radikalen Konstruktivismus, der Gefahr läuft, Körperlichkeit in Sprachmuster aufzulösen, im Sinne von Geschlecht als Produkt des „Tuns“ („doing gender“). Geschlecht wird nun als „leib-körperliche Existenzweise“ (S. 110) verstanden, wobei die Autorin betont, dass die „Trennlinie von Sex und Gender nicht wie einstmals mit der Haut als der körpereigenen Grenze zwischen Kultur und Natur gleichgesetzt, sondern in den Körper hineinverschoben“ wird (S. 109). Weitere Theorieperspektiven, wie sie beispielsweise im Habituskonzept bei Pierre Bourdieu oder in der Perspektive auf körperbezogene Praxis bei Robert Connell vorliegen, werden von Schaufler nicht verfolgt. Für Schaufler steht am vorläufigen Endpunkt der Debatte die Forderung, „das anatomisch-physiologische Fundament des Geschlechts“ nicht radikal-konstruktivistisch aufzulösen, sondern zu historisieren. Der Verweis auf die Historizität körperbezogener Fremd- und Selbstsichten dient der Autorin dann auch als Ausgangspunkt für ihr eigentliches Projekt, nämlich die Analyse der publizistischen Vermittlung von Weiblichkeitsentwürfen im 18. Jahrhundert als Übergang zur Moderne.

Analyse publizistischer Argumentationsstränge im 18. Jahrhundert

Als historischen Hintergrund zeichnet die Autorin zuerst die wichtigsten Stränge des sich entwickelnden medizinischen Blicks insbesondere auf das weibliche Geschlecht sowie die Umsetzung in das naturalistische Paradigma der Geschlechtererziehung der Aufklärung (Rousseau und Campe) nach. Ausgehend von der Tatsache, dass diese Weiblichkeitsentwürfe in der Hauptsache von Männern produziert werden, geht es Schaufler dabei um das Transferproblem, „wie die bürgerlichen Weiblichkeitskonzepte aus den Köpfen der Männer in die Körper der Frauen gelangen“ (S. 146).

Hierzu analysiert sie „frauenadressierte“ Periodika und Ratgeber, die ab Mitte des 18. Jahrhunderts starke Verbreitung fanden. Beeindruckend an den von ihr zusammengetragenen Quellen ist dabei, wie in alle Details des weiblichen Körpers hinein ein bestimmtes Bild vom „weiblichen Charakter“ projiziert wird, wobei der Aspekt der Schwäche, Sensibilität und Reizbarkeit mit dem der Schönheit und Anmut korrespondiert. Diese an den Körper und seine Wahrnehmung gebundene und damit naturalisierte Wesensbestimmung der Frau diente als Begründungsfolie für eine eindeutige Funktionszuschreibung der Frau als „Hausfrau“ und Mutter. Schaufler belegt anhand dieser Schriften konkret die Argumentationsweisen, mit denen ein bestimmtes Muster geschlechtlicher Arbeitsteilung und Selbstsicht „an die Frau“ gebracht wurde, wobei alle Strategien ihren Ausgangspunkt „am schönen Körper des weiblichen Geschlechts“ nehmen. Schönheit wird so quasi zum Köder, der die Beschränkung auf die soziale Position als Gattin, Hausfrau und Mutter schmackhaft machen sollte.

Stärken und Schwächen

Die Stärke dieses Buches liegt in der beschriebenen historischen Analyse von Argumentationsmustern, mit denen an der Schwelle zur Moderne ein neues gesellschaftliches Deutungsmuster von Weiblichkeit durchgesetzt werden sollte. Die Rückbindung dieser historischen Analyse an die theoriegeschichtlich aufwändig entfaltete Leib-Körper-Thematik gelingt dagegen nur unzureichend. Das Buch zerfällt so für den Leser/die Leserin vermutlich in zwei nur unzureichend verbundene Teile, eine theoriegeschichtliche Reflexion und eine historische Studie. Auch methodisch ist der Zusammenhang insofern nicht schlüssig, als die Autorin in der Rezeption der Konstruktivismusdebatte einerseits die Defizite einer rein auf Diskursanalysen bezogenen Perspektive benennt, andererseits in ihrer historischen Analyse den Blickwinkel auf soziale Praxis reduziert, nämlich auf die (vermeintliche) Wirkung publizistischer Beiträge.

Als weitere Schwäche fällt dem männlichen Leser vielleicht deutlicher ins Auge, dass die im Buchtitel suggerierte Balance („Schöne Frauen – Starke Männer“) nicht realisiert wird, insofern eine deutliche und explizite (S. 153) Fokussierung auf den weiblichen Körper vorgenommen wird. Zwar scheint als Hintergrund ein Männlichkeitsbild durch, es bleibt aber blass und in seinen Konsequenzen für die Subjekte unreflektiert. Mit Verweis auf die vornehmlich männlichen Autoren der analysierten Periodika wird damit unter der Hand ein spezifisch männlicher Blick, der den eigenen Körper und seine Normierung ausblendet, reproduziert. Diese fehlende Balance findet sich insofern auch im Theorieteil des Buches wieder, als bezogen auf die aktuelle Geschlechterdebatte wichtige von Männern vorgelegte Beiträge zur Konstruktion von Geschlecht in sozialer Praxis (besonders Bourdieu und Connell) unberücksichtigt bleiben.

URN urn:nbn:de:0114-qn051024

Prof. Dr. Holger Brandes

Dresden, Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit

E-Mail: holger.brandes@ehs-dresden.de

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