Handhabbare Hilfen zur Gleichstellungspolitik an den Universitäten

Rezension von Ulla Bock

Eva Blome u.a.:

Handbuch zur universitären Gleichstellungspolitik.

Von der Frauenförderung zum Gendermanagement?

Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2005.

308 Seiten, ISBN 3–8100–4216–1, € 24,90

Abstract: Das Handbuch zur universitären Gleichstellungspolitik, zusammengestellt von einer Autorinnengruppe der Universität Göttingen, beschreibt die verschiedenen, inzwischen erprobten Maßnahmen und Instrumente der Gleichstellungspolitik an den Hochschulen. Der besondere Charakter dieses Handbuchs liegt in der Betonung der Notwendigkeit, Theorie und Praxis eng miteinander in Verbindung zu bringen. In diesem Sinne werden die wesentlichen theoretischen Diskurse dem Hauptteil, in dem es um „Gleichstellung konkret“ geht, vorangestellt. Das Nachschlagewerk ist eine hervorragende Arbeitshilfe für zentrale und dezentrale Frauenbeauftragte an den Hochschulen.

Bedürfnis nach „handhabbaren“ Übersichten

Vor einem Jahr wurde im Forum von Querelles-Net (Nr. 15/2005) ein Artikel über „Lexika, Glossare und Handbücher zur Frauen- und Geschlechterforschung“ veröffentlicht. Ausgehend von der Beobachtung, dass im deutschen Sprachraum seit einiger Zeit auffällig viele Handbücher zur Frauen- und Geschlechterforschung (Gender Studies) erscheinen, stellten wir uns die Frage, was der Grund dafür sein könnte. Eine Antwort darauf war, dass im Verlauf der zurückliegenden 30 Jahre der „Genderaspekt“ in nahezu allen wissenschaftlichen Disziplinen Eingang gefunden hat und die daraus resultierenden wissenschaftlichen Publikationen nicht mehr zu überschauen sind. Es ist also ein Bedürfnis nach „handhabbaren“ Übersichten entstanden, dem die Verlage nachkommen. [Auch Querelles-Net versucht mit einer nach Fächern strukturierten Bibliografie in jeder neuen Ausgabe einen Überblick über die aktuellen Erscheinungen deutschsprachiger Literatur zu diesem Forschungsfeld zu geben.]

Aber nicht nur die Frauen- und Geschlechterforschung, auch die gesetzlichen Grundlagen, Maßnahmen und Instrumente der Gleichstellungspolitik der letzten zwanzig Jahre sind – selbst von Insidern – in der Fülle kaum mehr zu überblicken. Sie sind Teil tiefgreifender Reformprozesse an den Hochschulen. Auf die Forderung nach mehr Effektivität, Flexibilität und Autonomie wird mit einer Ausweitung des Leistungs- und Wettbewerbsprinzips und einer Zentralisierung der Leitungsfunktion, einer Neugestaltung der wissenschaftlichen Qualifikationswege und mit Zielvereinbarungen als Steuerungsinstrument reagiert. Zu all dem gehört auch – wie von der Europäischen Union gefordert – die Implementierung von Gender Mainstreaming (GM) als gleichstellungspolitische Strategie, mit der in den 1990er Jahren eine nachhaltige Veränderung in der Geschlechter- und Gleichstellungspolitik eingeleitet wurde.

In jüngster Zeit wird zunehmend das Konzept des Managing Diversity (MD) als weiteres gleichstellungspolitisches Instrument ins Licht gerückt. Mit der Gegenüberstellung beider Gleichstellungspraxen – GM und MD – hat sich eine zum Teil heftig geführte Debatte entwickelt, die um die Frage kreist, ob beide Konzepte ergänzend zusammengeführt werden können oder ob durch die Verengung auf betriebswirtschaftliche Aspekte (Personalpolitik), die dem Konzept des Managing Diversity unterstellt wird, das kritische Potential feministischer Analysen verloren gehe. Diese aktuelle Diskussion konnte in dem hier zu rezensierenden Handbuch noch nicht aufgenommen werden, klingt aber im Abschlusskapitel, in dem „zukünftige Herausforderungen“ reflektiert werden, an. (Siehe dazu die Tagung an der Freien Universität Berlin vom Januar 2006 – Tagungsprogramm [PDF] - und die Website: Management Gender & Diversity.)

Die Autorinnen des vorliegenden Handbuchs konzentrieren sich auf die Entwicklung von der Frauenförderung hin zum Gendermanagement im Hochschulbereich und beantworten in einem zweiten Teil konkreten Fragen wie: Was heißt Gender-Budgeting? Was verbirgt sich hinter dem Begriff Gender Impact Assessment? Was beinhalten Gleichstellungspläne an den Hochschulen? Wie kommen sie überhaupt zustande? Wie sehen finanzielle Anreizsysteme aus und wie sind sie in der Praxis umzusetzen? Was bewirken sie? Was ist mit Gender-Kompetenz als Schlüsselqualifikation gemeint? Was passiert beim Gender-Training? Etc. Dabei wird deutlich, dass es neben der Realisierung gleicher Chancen von Frauen und Männern im Wissenschaftsbetrieb inzwischen auch um Qualitätssicherung bzw. Qualitätssteigerung geht.

Verschränkung von Theorie und Praxis

Das Handbuch ist in zwei Teile gegliedert. Der kürzere Teil I ist überschrieben mit „Grundlagen“. Darin wird zum einen die Frage beantwortet, wann und warum „Gleichstellung an den Universitäten“ überhaupt ein Thema wurde. Zum anderen werden theoretische Ansätze der Frauen- und Geschlechterforschung skizzenhaft vorgestellt (Gleichstellungs- und Differenztheorien, poststrukturalistische und dekonstruktivistische Ansätze, Queer Theorie, Postkolonialer Feminismus und Disability Studies), womit die Bedeutung feministischer Theoriebildung für die Gleichstellungspolitik hervorgehoben wird. Durch die als notwendig erachtete Verschränkung von Theorie und Praxis werden auch die Paradoxien (gleichstellungs-)politischen Handelns verdeutlicht, die u. a. darin bestehen, dass die Frauen- oder Gleichstellungsbeauftragten für eine Institution arbeiten, deren Struktur und Verfasstheit sie zugleich grundlegend kritisieren. Vor diesem Hintergrund formulieren die Autorinnen die Anforderung, „zu dem System, in dem man alltäglich agiert, auf Distanz zu gehen, um strukturelle Fehler zu analysieren sowie auf Grundlage einer solchen Analyse Reformen zu entwickeln und anzuleiten.“ (S. 108) Die These, dass und in welcher Weise Teilhabe eine prekäre Voraussetzung für Veränderung ist, hat in jüngster Zeit vor allem die Soziologin Sabine Hark in ihrer Studie Dissidente Partizipation (Frankfurt/Main 2005) diskutiert.

Im Zusammenhang mit den rechtlichen Grundlagen der Gleichstellungsdebatten werden im Handbuch wesentliche Aspekte der Umstrukturierung der Universitäten (Dienstrechtsreform, Juniorprofessuren, Befristungsregelungen) wie die Entwicklung von der Frauenförderung hin zum Gendermanagement (Gender Mainstreaming) nachgezeichnet. Damit verbunden ist auch die Frage nach dem Selbstverständnis der Frauenbeauftragten an den Universitäten: Wird es weiterhin Frauenbeauftragte geben oder vielmehr Gleichstellungsbeauftragte? Worin bestände der Unterschied? Dieser erste Teil, der eine Bilanz von zwei Jahrzehnten Gleichstellungspolitik zieht, endet mit der Darstellung von „Ansätzen einer Positionierung“ hinsichtlich der verschiedenen Praxen der Gleichstellungspolitik. Die Autorinnen kommen zu dem Ergebnis, dass „eine kritische Auseinandersetzung mit den […] Nebeneffekten der Arbeit der Gleichstellungsbeauftragten notwendig“ (S. 105) sei (s.u.).

Gleichstellungspolitik konkret

Der umfangreichere Teil II ist eine Zusammenstellung der „Gleichstellungsarbeit konkret“. Hier werden die Aufgabenfelder und Handlungsmöglichkeiten von Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten an den Hochschule beschrieben. Dazu gehören Instrumente und Strategien wie Anreizsysteme (die von Appellen bzw. Selbstverpflichtungen bis hin zu finanziellen Zuwendungen bei erfolgter Förderung des weiblichen wissenschaftlichen Nachwuchses wie der Frauen- und Geschlechterforschung und bei der Erhöhung des Frauenanteils bei den Beschäftigten in den verschiedenen Statusgruppen reichen), Sensibilisierungsmaßnahmen (wie Gendertrainings und Fort- und Weiterbildungsangebote), Maßnahmen zur Erhöhung des Frauenanteils in den verschiedenen Statusgruppen (durch Quotenregelung, Möglichkeiten, Beruf und Familie zu vereinbaren, Gastprofessuren), die Förderung des weiblichen wissenschaftlichen Nachwuchses (beispielsweise durch Mentoring-Programme, Stipendienprogramme etc.), verbindliche Verankerung von Gleichstellungsplänen in den Institutionen, die kontinuierlich überprüft und den neuen Erfordernissen angepasst werden müssen, die Kooperation mit relevanten Instanzen und Personen, sprich die Vernetzung in der jeweiligen Hochschule und darüber hinaus. An dieser Stelle finden auch die für die Gleichstellungspolitik so wichtigen fachspezifischen und fächerübergreifenden Datenbanken und Netzwerke Erwähnung, die über das Internet allgemein zur Verfügung gestellt werden. Des weiteren die Gremienarbeit, die Beobachtung und Einflussnahme bei Stellenbesetzungsverfahren ebenso wie die Beteiligung an der Evaluation von Forschung und Lehre. Ein jeweils eigenes Kapitel widmen die Autorinnen der Beratungstätigkeit, insbesondere im Zusammenhang mit sexueller Belästigung und Gewalt, und den Handlungsmöglichkeiten der Frauenbeauftragten bei Diskriminierung lesbischer Lebensweisen.

Positionierung

Das hier besprochene Handbuch ist in erster Linie ein Nachschlagewerk und als solches hervorragend zu nutzen. Doch die Autorinnen scheuen auch nicht davor zurück, sich inhaltlich und politisch zu positionieren. Ausgehend von der These, dass gleichstellungspolitisches Handeln eine „paradoxe Intervention“ sei, formulieren sie eine Perspektive, die über die gängige Praxis hinaus führen soll. Sie sehen zu Recht das Geschlechterverhältnis als „konstitutiv verwoben mit anderen gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen“ (S. 275) und meinen, dass das sowohl von der Geschlechterforschung als auch in der Praxis der Gleichstellungspolitik nicht ausreichend gesehen würde, d. h. durch die Fokussierung auf Geschlecht die Diskriminierung anderer marginalisierter Gruppen nicht in den Blick genommen werden könne. Dieses Urteil kann m. E. nicht mehr so ohne weiteres generalisiert werden. Die Erkenntnis, dass neben dem Herrschafts- und Machtverhältnissen zwischen den Geschlechtern auch noch andere Differenzen zwischen Menschen zum Ausschluss und zur Diskriminierung führen, wird sowohl in vielen theoretischen Diskursen mitgeführt und auch in der Praxis - vor allem unter dem Label Diversity - in Rechnung gestellt. Dass durch Perspektivwechsel und die Benennung der Komplexität von Macht- und Herrschaftsverhältnisse diese noch nicht aufgehoben sind, ist nachvollziehbar, insofern ist die Aufforderung der Autorinnen zur kritischen Reflexion der Gleichstellungspraxen und auch der „eigene[n] Beteiligung an der Produktion und Reproduktion von Dominanzverhältnissen, Normierungen und diskriminierenden Diskursen“ (S. 278) zu unterstreichen.

Handhabung des Handbuchs

Jedes Kapitel beginnt mit einer knappen zusammenfassenden Darstellung seines Inhalts und endet mit Hinweisen auf weiterführende Literatur, teilweise ergänzt durch Hinweise auf nützliche Seiten im Internet. Das Handbuch verfügt über ein Glossar mit den wichtigsten Begriffen zur Hochschulstruktur und Gleichstellungspolitik. Dieses Glossar ist mit einem Index kombiniert, was bedeutet, dass die Begriffe, die im Text ausführlicher behandelt werden, auf das Kapitel verweisen, in dem mit ihnen gearbeitet wird. Dadurch gewinnt man einen schnellen Zugriff auf den Kontext, in dem die Begriffe ihre Bedeutung gewonnen haben. Eine Literaturliste am Ende führt noch einmal alle auch schon nach den einzelnen Kapiteln aufgeführten Studien zusammen. Einzig die sehr differenzierte Untergliederung der 16 Kapitel erscheint nicht immer logisch, so vermag ich beispielsweise nicht zu erkennen, warum die „Beratungstätigkeit“ (Kap. 13) neben „Beratung und Handlungsmöglichkeiten bei sexueller Belästigung und Gewalt“ (Kap. 14) als ein eigenständiges Kapitel konzipiert ist. Ich würde empfehlen, die Logik und allzu feine Verästelung der Gliederung bei einer Neuauflage des Handbuches, die sicher bald nötig sein wird, zu überdenken

Fazit

Das Handbuch zur universitären Gleichstellungspolitik ist im Rahmen eines Qualifizierungsprogramms des Zentralen Frauenbüros an der Universität Göttingen entstanden. Die fünf Autorinnen kommen aus unterschiedlichen Studienfächern (Literaturwissenschaft, Biologie, Soziologie und Pädagogik). Sie sind somit in der Lage - und das macht das Besondere dieses Handbuches aus -, ihre Kenntnisse über die diversen wissenschaftlichen Diskurse mit den Anforderungen der Gleichstellungspolitik zu verschränken. Diese notwendige Verbindung von Theorie und Praxis ist in der Gleichstellungspolitik nach wie vor nur ansatzweise realisiert. Dieses Handbuch bietet dafür eine gute Hilfestellung und dient somit der Professionalisierung der Arbeit insbesondere der dezentralen Frauenbeauftragten an den Hochschulen, die oft nur für eine kurze Zeit in dieser Funktion tätig und darauf angewiesen sind, von ihren Vorgängerinnen gesammeltes Wissen und Erfahrungen vermittelt zu bekommen. Zwischen den Unmengen an Broschüren, Tagungsdokumentationen und theoretischen Texten zum Thema Gleichstellungspolitik an den Hochschulen ist dieses Handbuch ein lobenswerter Versuch, denjenigen hilfreich ein „Arbeitsbuch“ in die Hand zu geben, die tagtäglich unter Handlungsdruck stehen. Es wäre zu wünschen, dass jede Frauenbeauftragte mit ihrem Amt zugleich auch dieses Buch in die Hand bekommt.

Abschließende Information

Auf der Website des GenderKompetenzZentrum an der Humboldt Universität Berlin entsteht eine Seite, die eine nach Handlungsfeldern sortierte Sammlung von Instrumenten zur Umsetzung von Gender Mainstreaming bietet.

URN urn:nbn:de:0114-qn071045

Dr. Ulla Bock

Berlin/Zentraleinrichtung zur Förderung von Frauen- und Geschlechterforschung an der Freien Universität Berlin

E-Mail: bocku@zedat.fu-berlin.de

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