Besitzt Mentoring kultur- und strukturverändernde Potenziale?

Rezension von Astrid Franzke

Herta Nöbauer, Evi Genetti, Waltraud Schlögl (Hg.):

Mentoring für Wissenschafterinnen.

Im Spannungsfeld universitärer Kultur- und Strukturveränderung.

Wien: Österreich 2005.

405 Seiten, ISBN 3–85224–125–1, € 22,00

Abstract: Während Mentoring bislang hinsichtlich seiner individuellen Effekte vor allem in theoretischen Arbeiten untersucht und in Evaluationsstudien empirisch ausgewertet worden ist, fragen die Herausgeberinnen nach den kultur- und strukturverändernden Potenzialen durch Mentoring im universitären Feld.

Die Herausgeberinnen des Bandes beziehen sich in ihrer Einleitung auf die wegweisende Arbeit der Österreicherinnen Schliesselberger und Strasser Auf den Spuren der Pallas Athene, Wien 1998. Ausgangspunkt ist die Erkenntnis, dass nachhaltige Veränderungen von Geschlechterverhältnissen im emanzipatorischen Sinne nur möglich sind, wenn es gelingt, über die individuelle Ebene hinauszugehen, diskriminierende Strukturen aufzudecken und Organisationsstrukturen tatsächlich geschlechtergerecht umzugestalten. Allerdings sehen Herta Nöbauer, Eva Genetti und Waltraud Schlögl die diesbezüglichen Potenziale der aktuellen Umstrukturierungsprozesse mit Ambivalenzen verknüpft, ebenso das Mentoring selbst. Einerseits könnten sie zur Remaskulinisierung führen, andererseits aber auch Chancen bieten, das Hochschulsystem geschlechterpolitisch zu reformieren. Die einzelnen Beiträge zeigen, wie schwierig es ist, struktur- und kulturverändernde Potenziale auszumachen und zu bewerten. Der Band enthält hierzu interessante Überlegungen, bisweilen auch sich widersprechende Positionen, die die Lesenden zur eigenen Reflexion herausfordern und zu weiterführenden Forschungen anregen.

Zu den Inhalten der einzelnen Beiträge

Der elf (ausschließlich von Autorinnen verfasste) Aufsätze umfassende Sammelband besteht aus zwei Teilen. Teil A enthält theoretische und empirische Beiträge zum Mentoring an Hochschulen aus internationaler Perspektive. Im Teil B werden die Evaluation des Mentoring-Programms an der Universität Wien, mu:v, ausführlich dargestellt und daraus Standards sowie Empfehlungen abgeleitet. Alle Beiträge enthalten abstracts in englischer Sprache.

Eingeleitet wird Teil A durch zwei englischsprachige Aufsätze. Ein als Reprint abgedruckter Beitrag der National Academy of Science/National Academy of Engineering/Institute of Medicine (1997) aus dem US-amerikanischen Diskurs, in dem Mentoring traditionell stärker verankert ist als im deutschsprachigen Raum, macht auf Geschlechtsspezifik, kulturelle Unterschiede sowie Migrationshintergründe und deren Auswirkungen auf das Kommunikations- und Lernsystem Mentoring aufmerksam. Barbara Bagilhole beschreibt drei Initiativen: Kurse zur Berufs- und Persönlichkeitsentwicklung, zum Mentoring und ein lokales Akademikerinnen-Netzwerk in Großbritannien. Sie diskutiert, wie ein stützendes Umfeld rund um das akademische Leben von Hochschulabsolventinnen geschaffen werden kann, bilanziert Erfolge, setzt sich aber auch mit Vorbehalten von Wissenschaftlerinnen gegenüber solchen Programmen auseinander.

Es schließen sich zwei Aufsätze aus der Schweiz an, die Ergebnisse des „Bundesprogramms Chancengleichheit von Frau und Mann an den Universitäten“ mit dem Ziel der Erhöhung des Professorinnenanteils vorlegen. Katharina von Salis vermittelt einen detaillierten Überblick über das breite Spektrum der an den 10 Schweizer Universitäten geförderten Mentoring-Projekte. Trotz beachtlicher Erfolge gelang deren Implementierung bislang nicht. Von Salis empfiehlt: „Um jedoch zu erreichen, dass Mentoring die Universität wirklich verändert, müssen die Männer vermehrt in Hinblick auf Gender-Themen weitergebildet und generell in den Gleichstellungsprozess miteinbezogen werden.“ (S. 112 f.) Ausschreibungsmodalitäten, Aktivitäten, Vernetzung, qualitätssichernde Maßnahmen und Potenziale von Peer-Mentoring zur akademischen Karriereförderung untersucht Ursula Meyerhofer am Beispiel der „MentoringWerkstatt“ der Universität Zürich. Sie vermittelt Einblicke in die vielfältigen Unterstützungsprozesse, die sich die Mitglieder der Peer-Gruppe auf gleichrangiger Basis selbst geben, und in die Erarbeitungsprozesse von Sach- und Qualitätszielen durch die Peers. „Wirkungen struktureller Zwänge und Diskriminierungen konnten reflektiert, hinterfragt und umgedeutet werden“, so bilanziert Meyerhofer. (S. 125)

Auch die bestehende Förderstruktur der Wissenschaftlerinnen in Baden-Württemberg, die Dagmar Höppel anhand des Programms Mentoring und Training (MuT) in den Blick nimmt, zielt auf die Vorbereitung des weiblichen wissenschaftlichen Nachwuchses auf eine Karriere als Professorin. Die Autorin kommt zu der Feststellung: „Viele Teilnehmerinnen beziehen bestehende diskriminierende Strukturen nicht auf sich selbst oder nehmen diese Strukturen nicht bewusst wahr. Die Wahrnehmung der diskriminierenden Elemente geschieht eher beiläufig im Verlauf der Analyse der eigenen akademischen Lebensläufe, im Erfahrungsaustausch untereinander, aber auch über Berichte von Professorinnen und Professoren.“ (S. 157 f.) Nach Höppel kann gegenwärtig noch nicht genau gesagt werden, ob mit den Mentoring-Programmen auch tiefer greifende strukturelle Veränderungen einhergehen bzw. einhergehen werden. (S. 160)

Herta Nöbauer und Waltraud Schlögl untersuchen Mentoring als „politisierte Praxis“. Sie gehen davon aus, dass Maßnahmen zur wirkungsvolleren Förderung unterrepräsentierter Gruppen von kritischen Reflexionen über die geltenden Normen und Vorstellungen von Wissenschaftlichkeit, Leistung und Verdienst begleitet sein müssen (vgl. S. 167). Entsprechend wurde das mu:v so konzipiert, dass horizontale Beziehungen zwischen Mentees und vertikale zwischen Mentees und Mentorinnen/Mentoren entstehen können. Die Wiener Erfahrungen zeigen, dass große institutionelle Nähe persönliche Abhängigkeiten zwischen Mentees und Mentorinnen/Mentoren und auch Konkurrenzen unter den Mentees involviert. (vgl. S. 173) Diskutiert werden darüber hinaus Fragen der symbolischen institutionellen Anerkennung und Wertschätzung, das heißt vor allem der zeitlichen Entlastungen (vgl. S. 177) der Mentorinnen/Mentoren. Vorstellbar ist, zukünftig nachgewiesene Mentorinnen-/Mentorentätigkeit bei Berufungen zu berücksichtigen (vgl. S. 182).

Mit den Beiträgen von Gerlinde Mauerer, Adelheid Pichler und Gabriele Sorgo melden sich drei Mentees aus dem mu:v der Universität Wien (2001–2003) zu Wort. Gerlinde Mauerer skizziert Erfahrungen mit ihren Mit-Mentees und dem gemeinsamen Mentor (vgl. 185). Sie charakterisiert das Projekt als zwischen den Polen Begabtenförderung einerseits und Nachhilfecharakter andererseits angesiedelt (vgl. 187). Mauerer betont, dass Veränderungen auf der persönlichen Ebene, insbesondere was die Förderung von Frauen in der Wissenschaft betrifft, die Mitveränderung der umgebenden Strukturen nicht per se impliziere (vgl. S. 192). Adelheid Pichler und Gabriele Sorgo widmen sich hingegen Kommunikation und Kooperation zwischen ungleichen Partnern (Mentees und Mentorinnen/Mentoren) und werfen einen kritischen Blick auf die universitären Strukturen. Frauen seien in der Wissenschaft zwar erfolgreich, Macht hätten aber nur wenige von ihnen (vgl. S. 203), an Transparenz bei Entscheidungen fehle es u.a. bei der Vergabe von Lehraufträgen, Publikationsmöglichkeiten (vgl. S. 204). Kommunikationsprobleme z. B. zwischen Promovierenden und Betreuenden seien gekennzeichnet durch „gezielte Unterlassung“, also „Machtvorsprung durch Informationsblockade“ und als Machtmissbrauch identifizierbar, so Pichler (S. 206). Ähnlich formuliert auch Sorgo: Das zurzeit vorherrschende universitäre Ausleseverfahren sorge nicht für das Vorankommen der Besten und Begabtesten, sondern jener, die mit sozialem Kapital besser ausgestattet sind und das richtige Geschlecht haben (vgl. S. 214). Interdisziplinäre oder schlichtweg innovative Projekte, die nicht aus dem Umfeld etablierter Professorinnen/Professoren kommen, hätten immer geringere Chancen, bewilligt zu werden (vgl. S. 215). Als wichtiges Ergebnis des Projektes für sich selbst unterstreicht Sorgo, eine Plattform des Austausches zu haben, individuelle Erfahrungen relativiert und als Gruppenerfahrungen formulierbar gemacht zu haben (vgl. S. 208 f.).

Der Beitrag von Birgit Buchinger und Ulrike Gschwandtner gibt einen umfassenden und detaillierten Einblick in die von 2000 bis 2003 laufende Prozess- und Ergebnisevaluation des mu:v. Ausführlich werden Projekt- und Evaluationsdesign, Perspektiven der Mentees, Mentorinnen/Mentoren und Expertinnen in drei Projektphasen skizziert, mit authentischen Quellen belegt und schließlich die Zielerreichung diskutiert. Themen wie Konkurrenzen unter Frauen, Mütter im Wissenschaftsbetrieb, Interdisziplinarität und Gruppen-Mentoring, Same- und Cross-Gender-Mentoring werden angesprochen, und es werden vielfältige Aspekte zur Qualifizierung des evaluierten Modellprojekts benannt.

Mit Standards und Empfehlungen für erfolgreiches und qualitätssicherndes Mentoring im universitären Feld runden Herta Nöbauer, Waltraud Schlögl, Evi Genetti, Birgit Buchinger und Ulrike Gschwandtner die Darstellungen ab. Sie richten sich an Projekte und Initiativen im Bereich der Gleichstellungsarbeit, der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses und der Personalentwicklung, die Mentoring zielgruppenspezifisch einsetzen wollen, und geben umsetzungsbezogene Handreichungen für die Planung und die verschiedenen Durchführungsphasen bis zum Abschluss.

Resümee

Die Herausgeberinnen legen einen gut gelungenen und lesenswerten Sammelband vor, der sich durch Perspektivenvielfalt auszeichnet. Feministisch-orientierte und gleichstellungsorientierte Beiträge haben Aufnahme gefunden, die auf jeweils andere frauenpolitische Traditionen verweisen und auch unterschiedliche Einschätzungen der strukturverändernden Potenziale von Mentoring geben. Expertinnen unterschiedlicher Couleur kommen zu Wort: Frauen- und Geschlechterforscherinnen, Projektinitiatorinnen und -koordinatorinnen, Mentees und die mit der wissenschaftlichen Begleitung Betrauten liefern ein facettenreiches Bild von Mentoringprozessen für Frauen an Hochschulen. Lesbar ist das Buch nicht zuletzt wegen der insgesamt sehr kritisch-anregenden Darstellung. Er ist außerdem durch ein hervorragendes Lektorat gekennzeichnet. Im Rahmen der Evaluationsstudie hätte ich versucht, der zentralen Fragestellung des Buches nach den struktur- und kulturverändernden Potenzialen stärkeres Gewicht zu verleihen, z. B. den Fragen, woran lassen sich diese Potenziale festmachen, was könnten Indikatoren dafür sein und wie beurteilen die Beteiligten die diesbezüglichen Effekte des Mentoring? Es bleibt zu wünschen, dass die Herausgeberinnen dem tragfähigen Ansatz verbunden bleiben und zukünftig weitere Ergebnisse dazu vorlegen werden.

URN urn:nbn:de:0114-qn073068

Dr. Astrid Franzke

Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung der HAWK/FH Hildesheim/Holzminden/Göttingen und der Stiftung Universität Hildesheim

E-Mail: franzke@uni-hildesheim.de

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