Rezeptionsgeschichte jugendbewegter Frauen zwischen Antifeminismus und Emanzipation.

Rezension von Antje Harms

Christiane Kliemannel:

Mädchen und Frauen in der deutschen Jugendbewegung im Spiegel der historischen Forschung.

Hamburg: Daniel Junker 2006.

184 Seiten, ISBN 978–3–938432–05–1, € 22,80

Abstract: In ihrer 2006 veröffentlichten Magisterarbeit macht sich Christiane Kliemannel innerhalb der Historiographie zur Jugendbewegung der Jahre 1912 bis 2003 auf die Spurensuche nach jugendbewegten Mädchen und Frauen. Dabei soll der historische Entstehungskontext berücksichtigt und untersucht werden, anhand welcher Leitbegriffe und Geschlechterkonstruktionen die weibliche Jugendbewegung rezipiert worden ist.

Inhalt

Kliemannels Analyse zeigt, dass die bürgerliche Jugendbewegung um 1900 als Zusammenschluss romantisch-revolutionär gestimmter männlicher Gymnasiasten entstand und sich ihr Selbstverständnis als männliche Bewegung bis heute als gender bias in der historischen Forschung fortsetzt. Oft bleiben jugendbewegte Mädchen und Frauen in den Untersuchungen zum Wandervogel und zur Bündischen Jugend außen vor; auch die jugendbewegten Geschlechterkonstruktionen und Sexualitätsvorstellungen werden trotz der Fülle an Publikationen zur Jugendbewegung häufig nicht berücksichtigt. Erst im Zuge der Frauen- und Geschlechtergeschichte sind einige Monographien zur ‚weiblichen Hälfte‘ der Jugendbewegung und ihren Identitätsentwürfen entstanden.

Rezeptionsphasen

An ein einführendes Kapitel zur Geschichte der Jugendbewegung bis 1933 und zu jugendbewegten Mädchen und Frauen (S. 17–40) schließt sich der Hauptteil der Arbeit, die Untersuchung von „Mädchen und Frauen in der deutschen Jugendbewegung im Spiegel der historischen Forschung“, an, die in vier verschiedene Rezeptionsphasen unterteilt wird: jugendbewegte Historiographie bis 1933 (S. 41–56), nationalsozialistische Deutungen (S. 57–70), Geschichte der Jugendbewegung nach 1945 (S. 71–97) sowie geschlechtergeschichtliche Arbeiten (S. 99–147).

Dieser durchaus schlüssigen Einteilung der Rezeptionsphasen folgt die Autorin bedauerlicherweise nicht immer konsequent. So zieht sie beispielsweise Irmgard Klönne, deren Arbeiten über Mädchen in der Jugendbewegung[1] in den Bereich der Geschlechtergeschichte eingeordnet werden, schon für die Untersuchung der Geschlechterkonstruktionen in den ersten drei Rezeptionsphasen heran. Solch eine Vorgehensweise führt jedoch nicht nur zu andauernden Wiederholungen, sondern hindert die Autorin auch, das Charakteristische einer jeden Rezeptionsphase herauszuarbeiten. Besonders ärgerlich ist dies im Kapitel zur Phase nach 1945, in der eine „problemorientierte Sichtweise auf die weibliche Jugendbewegung vorherrschend“ (S. 83) gewesen sei. Belegt wird dies von Kliemannel allerdings weniger durch Zitate aus den entsprechenden Arbeiten dieser Zeit, sondern durch Zitate aus der Quellenedition Werner Kindts[2] (S. 85 f.), die Zeitschriftenartikeln und Dokumenten aus der Zeit der Jugendbewegung vor 1933 entnommen sind.

Unklar bleibt auch, weshalb die Studien von Käte Mancke und Elisabeth Wolf[3] von Kliemannel nicht zur geschlechtergeschichtlichen Rezeption gezählt werden. Ihre Begründung, dass sich die Forscherinnen „wie die damalige Frauenforschung, auf die oppositionelle Geschlechterdiffenerenz [sic]“ (S. 96) konzentriert hätten, ist zwar zutreffend, müsste dann aber zumindest auch bei den Studien von Sigrid Bias-Engels und Magdalena Musial[4] berücksichtigt werden, bleiben diese doch ebenfalls einem essentialistischen Ansatz verhaftet, der die Besinnung auf „weibliche[] Eigenschaften (Altruismus, etc.)“ (S. 155) als Emanzipation deutet und den Konstruktionscharakter von Geschlecht vernachlässigt.

Ergebnisse

Kliemannel kommt in ihrer Untersuchung zu dem Ergebnis, dass sich die wissenschaftliche Beurteilung der Mädchen und Frauen in der Jugendbewegung weitgehend „in den thematischen Grenzen, die ihnen schon zur Zeit der historischen Bewegung selbst auferlegt wurden“ (S. 149) bewegt. In dieser „eher kontinuierliche[n] Sichtweise“ (ebd.) wurden jugendbewegte Frauen entweder im Kontext der ‚Mädelfrage‘ als Problem, im Kontext des Kameradschaftsideals als Kameradin oder im Kontext der Idee der Geschlechterpolarität und der „männlich dominierten Geschlechterhierarchie“ als zukünftige Mütter wahrgenommen (ebd.). Ob allerdings die binäre Unterteilung der Weiblichkeitsbilder „Kameradin“ vs. „mütterliche Frau“ (S. 151) in der Forschung tatsächlich so aufrechterhalten wird, darf bezweifelt werden.

Lediglich in den späteren geschlechtergeschichtlichen Studien von Sabine Andresen, Irmgard Klönne, Marion de Ras und Rosemarie Schade[5] seien die Weiblichkeitsbilder differenzierter als Selbst- und Fremdkonstruktionen untersucht und deren Beschränkung auf Mutterschaft eher kritisch gesehen worden (S. 156).

Letztere drei Studien unterscheiden sich Kliemannel zufolge untereinander insofern, als dass Ras im Gegensatz zu Klönne und Schade keine „konkrete[n] Informationen“ (S. 156) zum sozialen Kontext der weiblichen Identitätskonstruktionen geliefert habe und dadurch Weiblichkeitsmetaphern wie der der ‚Heiligen Insel‘ zuviel Bedeutung eingeräumt habe. Dagegen zeichne sich Klönnes Arbeit durch die Betonung geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung aus, die „zur Geschlechterdifferenz – im jugendbewegten Kontext die Geschlechterpolarität“ (S. 156) geführt habe, während Schade die grundsätzliche Annahme der Verschiedenheit der Geschlechter auf die konservativen Einstellungen der weiblichen Jugendbewegung zurückführe. Hätten Schade und Klönne auch das Verhältnis von Selbst- und Fremdzuschreibungen graduell unterschiedlich beurteilt, so hätten beide „ein Verhaften an konservativen Weiblichkeitsbildern“ konstatiert, was die „bisherige gesellschaftlich untergeordnete Position“ von Frauen auch in der Jugendbewegung besiegelt habe (S. 157).

Dass dies angesichts der zahlreichen neueren Forschungen zur bürgerlichen Frauenbewegung doch eine recht fragwürdige Position darstellt, fällt Kliemannel jedoch nicht auf. Verkennt doch die besonders bei Schade immer wiederkehrende Charakterisierung der Ideologie der polaren Geschlechtscharakter als konservativ oder gar nationalsozialistisch, dass diese seit dem 18. Jahrhundert bis in die Nachkriegszeit die gesellschaftlichen Vorstellungen vom Geschlechterverhältnis dominierte und wie im frauenbewegten Konzept der geistigen Mütterlichkeit oder in differenztheoretischen Autonomievorstellungen der Frauenbewegung der 1970er Jahre durchaus auch feministischen Zielen dienen konnte.

Statt sich durch einen Blick in die einschlägigen Forschungen eines Besseren belehren zu lassen (und dabei u. a. auch zu registrieren, dass der Begriff der „doppelten Vergesellschaftung“ keineswegs auf Klönne zurückgeht (S. 28), sondern allerspätestens seit 1987 mit Becker-Schmidt/Knapp einen Standardbegriff der Geschlechterforschung darstellt), übernimmt Kliemannel auch in ihrer eigenen Beurteilung die Gleichsetzung von geschlechterdualistischen Vorstellungen und Konservatismus.

Dass die Autorin nur unzureichend über feministische und queere Theorien informiert ist, zeigt sich auch in ihrer Einschätzung von Andresens Studie, die die jugendbewegten Körperinszenierungen als performative Akte untersucht und dabei in Anlehnung an Butler eben gerade nicht davon ausgeht, dass der Körper „prädiskursiv sei“ (S. 138) wie Kliemannel behauptet. Andresen konstatiert ebenso wenig eine „ablehnende Haltung der Jugendbewegten gegenüber heterosexuellen Beziehungen“ (S. 138), sondern gegen Sexualität überhaupt und befindet sich auch nicht im Gegensatz zu Butler, wenn sie den mädchenbewegten Körperinszenierungen subversive Tendenzen abspricht (S. 146). Vielmehr beschäftigt sich Andresen mit den auf Hans Blüher zurückgehenden jugendbewegten Vorstellungen von homoerotischen Freundschaftsverhältnissen in der Jugendbewegung und der Frage nach deren Übertragbarkeit auf die Erfahrungen jugendbewegter Mädchen.

Fazit

Neben den zahlreichen Fehlern in Orthographie, Zeichensetzung und Grammatik und der schwerfälligen Ausdrucksweise wird die Qualität der Arbeit leider auch erheblich durch die unzureichenden und nicht immer einheitlichen Literaturangaben sowie die ständigen Einschübe in Quellenzitate und nicht zuletzt durch den inkonsequenten Gebrauch geschlechtergerechter Sprache gemindert.

Positiv ist dagegen hervorzuheben, dass entgegen der ideologischen Ausrichtung des Daniel-Junker-Verlags, in dem neben Kliemannels Buch auch das „Heidnische Jahrbuch“ mit Beiträgen zur „Leitidee des freien Heidentums im Odinic Rite Deutschland (ORD)“ u. ä. erscheint, kaum dementsprechend gefärbte Untertöne bei Kliemannel zu finden sind.[6]

Angesichts ihrer zahlreichen Ungenauigkeiten, methodischen Schwächen und der nicht immer nachvollziehbaren rezeptionsgeschichtlichen Erschließung der Historiographie zur Jugendbewegung kann die hier besprochene Arbeit insgesamt nicht überzeugen. Als „Einführung und Nachschlagewerk“ für „Interessenten an der weiblichen Jugendbewegung“ (S. 7), wie Kliemannel in der Einleitung ihren Anspruch an die eigene Untersuchung formuliert, taugt dieses Buch deshalb wohl kaum.

Anmerkungen

[1]: Irmgard Klönne: „Ich spring’ in diesem Ringe“. Mädchen und Frauen in der deutschen Jugendbewegung, Paffenweiler 1990; dies.: Jugend weiblich und bewegt. Mädchen und Frauen in deutschen Jugendbünden, Stuttgart 2000.

[2]:Werner Kindt (Hg.): Die Wandervogelzeit. Quellenschriften zur deutschen Jugendbewegung 1896-1919, Köln 1968; ders.: Die deutsche Jugendbewegung 1920-1933. Die bündische Zeit, Köln 1974.

[3]: Käte Mancke/Elisabeth Wolf: Mädchen im Wandervogel, Archiv der deutschen Jugendbewegung, Witzenhausen 1961.

[4]: Sigrid Bias-Engels: Autonome Frauengruppen in der Jugendbewegung, in: Jahrbuch des Archivs der deutschen Jugendbewegung 15 (1985), S. 109-122; Magdalena Musial: Jugendbewegung und Emanzipation der Frau. Ein Betrag zur Rolle der weiblichen Jugend in der Jugendbewegung bis 1933, Essen, Diss. 1982.

[5]: Sabine Andresen: Mädchen und Frauen in der bürgerlichen Jugendbewegung. Soziale Konstruktion von Mädchenjugend, Weinheim 2003; Marion de Ras: Körper, Eros und weibliche Kultur. Mädchen im Wandervogel und in der Bündischen Jugend 1900-1933, Pfaffenweiler 1988; Rosemarie Schade: Ein weibliches Utopia. Organisation und Ideologien der Mädchen und F rauen in der bürgerlichen Jugendbewegung 1905-1933, Witzenhausen: Archiv der deutschen Jugendbewegung Burg Ludwigstein 1996.

[6]: http://www.daniel-junker.de (30.08.2007)

URN urn:nbn:de:0114-qn083143

Antje Harms M.A.

Graduiertenkolleg „Öffentlichkeiten und Geschlechterverhältnisse – Dimensionen von Erfahrung“ an den Universitäten Frankfurt am Main und Kassel

E-Mail: aharms@uni-freiburg.de

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