Gefangen im „Blumenzwiebel“-Modell: Hebbel und die Frauen.

Rezension von Gabrijela Mecky Zaragoza

Hilmar Grundmann:

Von „Weiber-Emancipation“ und „echten Weibern“ in Hebbels Tagebüchern und Tragödien.

Ein literaturwissenschaftlicher und literaturdidaktischer Beitrag zur Gender-Forschung.

Frankfurt am Main u.a.: Peter Lang 2006.

259 Seiten, ISBN 978–3–631–53681–0, € 39,80

Abstract: Bei Hilmar Grundmann steht das im Mittelpunkt, was Friedrich Hebbel in seinem Tagebuch den großen Prozess der Geschlechter nennt: „Das Weib und der Mann in ihrem reinen Verhältnis zu einander.“ Nach einem Einblick in Hebbels pantragisches Welt- und Dramenverständnis begibt sich der Autor auf die spannende Spur nach dem Umgang mit Geschlechterverhältnissen in Hebbels Tagebüchern und Tragödien. Dabei geht Grundmann auch Hebbels Modell der tragischen Heldin auf den Grund. Er kann das Phänomen der ‚entzwiebelten Blumenzwiebel‘ aber letztlich nicht ganz entschlüsseln.

Geschlechtertragödien auf der Spur

Hilmar Grundmann, ein Altmeister der Hebbel-Forschung, hat sich in seinem Buch einem ehrgeizigen Programm verpflichtet: Er untersucht die Querelle des Femmes im Leben und Werk Friedrich Hebbels. Die große Forschungslücke, die sein Beitrag laut Klappentext so entschieden zu schließen sucht, besteht zwar spätestens seit Alexandra Tischels Tragödie der Geschlechter von 2002 nicht mehr. In forschungstechnischer Hinsicht betritt Grundmann dennoch Neuland. In vier Kapiteln und einem End-Exkurs arbeitet er die interdiskursiven Verknüpfungen zwischen den Geschlechtertragödien in Hebbels Leben, Herzensbüchern, Erstlingstragödien und seinen dramentheoretischen Abhandlungen heraus. Aber mehr noch: Er baut Brücken zwischen Forschungsdisziplinen und Bildungseinrichtungen und damit zwischen Denkprozessen in einsamen Studierstübchen und kursierenden Vorstellungen darüber, wie Geschlechterbeziehungen im 21. Jahrhundert gelebt werden können. Gerade weil das Drama den Rezipienten ohne erzählerische Instanz und über mehrere Sinne zu erreichen vermag, können auch Geschlechterangelegenheiten plastisch in Szene gesetzt werden. Grundmann zeigt auf, dass die Lektüre von Hebbels Geschlechterdramen im Unterricht einen besonderen Beitrag dazu leisten kann, stereotype Geschlechter(selbst)bilder zu hinterfragen. Zwar fordert er einen engagierten Umgang mit der Kategorie Geschlecht und setzt sich im End-Exkurs gar das Ziel, die Erziehungswissenschaften zu revolutionieren. Mit einzelnen Grundsätzen der Geschlechterforschung tut er sich jedoch recht schwer.

Grundmanns Gender Trouble

Die Weichen für eine geschlechtssensible Perspektive werden im Klappentext und im Vorwort gestellt. Eine Aufarbeitung der Kategorie Geschlecht erfolgt indes erst im dritten Kapitel, d. h. nach der Abhandlung zu Hebbels Frauenbildern. Hierbei fällt auf, dass Grundmann mit zweierlei Dingen kämpft: mit der Übersetzung des Geschlechterbegriffs und mit einem Erkenntnisinteresse der Geschlechterforschung. Es ist nicht ganz nachzuvollziehen, warum er behauptet, der Begriff Gender Studies könne mit dem Begriff Geschlechterforschung nicht adäquat übersetzt werden (S. 123). Zudem verliert er sich etwas in seinen Differenzierungsversuchen. Zwar liest sich seine Zielsetzung wie ein feministisches Manifest und er führt sein Buch ausdrücklich als einen Beitrag zur Geschlechterforschung ein, die, so seine Kurzdefinition, das Verhältnis zwischen Männern und Frauen als sozialkulturelles Konstrukt begreife. Zugleich gibt er aber an, er wolle nicht „aus der Geschlechterforschung heraus“ (S. 9) argumentieren und distanziert sich von dem, „was in den Gender Studies das wohl wichtigste Erkenntnisinteresse“ ist, „die Darstellung […] der Frauen- und der Männerfiguren […] zu interpretieren“ (S. 130). Was er stattdessen herausfinden will, ist „Hebbels Deutung des Geschlechterverhältnisses“ (S. 131) und warum „die Gespaltenheit der Welt als das Wesen des Dramas in der Gespaltenheit der Geschlechter ihren äußeren und äußersten Ausdruck findet“ (S. 131). Die erste Frage ist, warum er annimmt, die Geschlechterforschung konzentriere sich in erster Linie auf die Textfiguren. Die zweite Frage ist, ob es im Fall Hebbels überhaupt Sinn macht, in dieser Form zwischen der Analyse „figürlicher“ Darstellungen von Frauen und Männern, der Geschlechterverhältnisse und der jeweiligen dramatischen Konstellation zu unterscheiden. Schließlich sind Fragen des Geschlechts und des Pantragischen bei ihm auf vielfältige Weise – und teilweise untrennbar – miteinander verbunden.

Hebbels wurmstichige Welt

Im ersten Kapitel stellt Grundmann Hebbels Welt- und Dramenverständnis vor und führt uns mit theoriegeschärftem Blick in das Zentrum dessen, was Arno Scheunert 1903 als Norm für Hebbel‘s gesammtes Denken bezeichnet: den Pantragismus. Grundmanns differenzierte Auseinandersetzung zeigt in aller Deutlichkeit: In Hebbels Weltbild ist der Wurm drin (S. 65). Nach Hebbel ist die Ganzheit der Welt verloren gegangen, was zum ständigen Kampf des Individuellen mit dem Ganzen führt. Er fasst diesen Gedanken in eine Kreis-Metaphorik: Je mehr der Einzelne versucht, seinen engen Kreis zu durchbrechen, desto mehr trennt er sich vom Ganzen, desto höher wird seine Schuld und desto wahrscheinlicher sein Scheitern (S. 18). Aus Individuation wird Maßlosigkeit wird Schuld wird Scheitern. Das Drama stellt diesen Prozess auf symbolische Weise dar (S. 27). In den tragischen Konflikten, die Hebbel in mythisch-historische Gewänder hüllt, sollen die Zuschauer die Konflikte ihrer Zeit erkennen (S. 43). Im letzten Abschnitt erläutert Grundmann, warum gerade die Heldinnen in Hebbels Dramen für geschlechtssensible Fragestellungen unverzichtbar sind (S. 88 ff.). Anders als erwartet geht er hier nur ansatzweise auf den theoretischen Zusammenhang zwischen Hebbels Pantragismusmodell und seinem Geschlechtermodell ein. Gerade im Kreis-Szenario ist jedoch eine geschlechtsspezifische Komponente eingeschrieben, die weiter ausgearbeitet werden müsste. Nach Hebbel wird Tragik umso stärker, je mehr ein Kreis erweitert wird. Je enger aber die Grenzen eines Kreises gezogen sind, desto eher stößt das Individuum an seine Grenzen und desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es sich in eine tragische Schuld verstrickt. Gerade weil die Frau für Hebbel auf den „engsten Kreis“ festgelegt ist, aber ins Unbegrenzte strebt, nach der Herrschaft über den Mann, ist in ihrer Natur immer schon ein tragisches Element angelegt. In anderen Worten: Hebbels pantragisches Weltbild ist engendered.

Hebbels weibliche Naturen und Unnaturen

Nach einer Annäherung an die Textsorten Tagebuch und Brief leitet Grundmann sein zweites Kapitel über die Frauenbilder in Hebbels Tagebüchern mit einer interessanten Analyse ein: Er zählt den Gebrauch der Worte Frau und Weib in den Aufzeichnungen Hebbels. Während das Wort Frau in den Tagebüchern kaum vorkommt, wird das Wort Weib gleich 49 Mal aufgeführt und mit dem Personalpronomen sie verwendet (S. 104). Anhand der lexikalischen Diskurse weist er nach, dass das Wort Weib schon zu Hebbels Zeiten ein Schimpfwort war. Obwohl sich in Hebbels Tagebuchaufzeichnungen positive und negative Frauenbilder finden, ist das Geschlechterverhältnis durch zweierlei gekennzeichnet: Es ist dichotomisch angelegt und es gleicht einem gigantomanischen Kampf (S. 109 f.). Für Hebbel ist die Frau eine biologische Kategorie, ein Stück Natur, verankert in der Topografie des Lebens. Die Frau, die die Grenzen ihres Geschlechts überschreitet, verstößt gegen ihre Natur und muss scheitern, wie seine Blumenzwiebel-Gleichung belegt: „Das Weib ist in den engsten Kreis gebannt: wenn die Blumenzwiebel ihr Glas zersprengt, geht sie aus.“ (S. 109) Zu Recht weist Grundmann darauf hin, dass dies auch für den Mann gilt, der seine Grenzen nicht kennt und sich an der Natur der Frau vergeht (S. 111). Grundmann sieht bei Hebbel einen Widerspruch zwischen einem progressiven Frauenbild in den Dramen – den Überfrauen – und einem reaktionären Frauenbild in den Tagebüchern – den Blumenzwiebeln. Dieser Widerspruch löst sich aber nur deshalb nicht auf, weil Grundmann so beharrlich an ihm festhält: „Das verstehe, wer will.“ (S. 121) Vielleicht hätte ihm die These von der Containment-Funktion von Geschlecht weitergeholfen: Hinter der Überfrau muss bei Hebbel eine weibliche Natur stecken, die wie die Blumenzwiebel ausgeht, wenn sie ihren engen Kreis verlässt – und zwar deshalb, weil nur so die Furcht vor der grenzgängerischen Unnatur gebannt werden kann.

Hebbels entzwiebelte Blumenzwiebeln

Der Schwerpunkt des textanalytischen Teils im vierten Kapitel liegt auf Hebbels Erstlingswerken, vor allem auf seiner Tragödie Judith. Schon der spiegelbildliche Aufbau der zwei Unterkapitel zeigt, dass Grundmann Judith und Genoveva als Kontrastprogramme liest. Die Titelheldinnen weisen allerdings mehr Ähnlichkeiten auf, als man zunächst vermutet. Grundmanns Lektüre zeigt: Judith ist das Weib, das alle Grenzen ihres Geschlechts überwindet, um am Ende daran zu scheitern, dass sie ihrer weiblichen Natur nicht entkommen kann (S. 164). Genoveva hingegen führt vor, wie ein „echtes Weib“ zu sein hat (S. 213). Grundmanns Versuch, Hebbels Judith in ihrer schillernden Mehrdeutigkeit zu lesen, ist gelungen. Dennoch werfen einige Deutungen Probleme auf. So wird die Psychodynamik zwischen Judith und Holofernes nur unzureichend entschlüsselt. Die Verschmelzungswünsche – Holofernes‘ Phantasien von köstlichen Badeerlebnissen und Judiths durcheinander gewirbelte Empfindungen – bleiben entweder unerwähnt oder werden als sexuelle Triebhaftigkeit interpretiert (S. 98). Aus diesem Grund kommt Grundmann zu dem Teilfazit, Hebbels Judith sei kein Liebesdrama, weil wirkliche Liebe kaum im Spiel sei (S. 182). Nur: Für Judith bricht nach Holofernes‘ Tod die Welt zusammen, wie das erschütternde Bild von lahm gewordenen Sternen und stillstehenden Sonnen zeigt. Und ihre Paralyse hat nicht nur etwas mit ihrer Motivverirrung, der erlittenen Vergewaltigung oder ihrem Rachefeldzug zu tun, sondern auch damit, dass sie den einen Mann getötet hat, den sie hätte lieben können. Judiths Herz ist nicht kalt – und Genovevas auch nicht. Genau das macht sie für Hebbel zu „echten Weibern“. Hinter einer biografisch aufbereiteten Kulisse – zur Zeit der Textentstehung geht es auch in Hebbels Liebesleben „heiß“ her (S. 189) – arbeitet Grundmann im Genoveva-Kapitel mit vielen Beispielen heraus, welche Rolle Hebbel für ein ideales „Weib“ sogar in Dreiecksbeziehungen vorsieht: In Lust, Liebe und Leid geht sie im Verhältnis zu dem einen Mann auf – und aus. Denn auch die Blumenzwiebel, die ihr Glas nicht verlässt, die duldend handelt, geht am Ende aus, aber als Opfer und nicht als paralysierte Täterin.

Fazit

Grundmanns Buch ist ein wichtiger Beitrag zur geschlechtssensiblen Hebbel-Forschung. Reflektiert und strukturiert und mit viel Liebe zum Textdetail untersucht der Autor den Prozess der Geschlechter bei Hebbel. Die Arbeit hätte noch gewonnen, wenn Grundmann von einer Kernthese ausgegangen wäre. Manchmal fehlt der rote Faden. Auch einzelne Deutungsversuche bringen den Lesenden nicht wirklich weiter. Aber wie schon Hebbel in seinem Tagebuch betont hat: „die einzige Wahrheit ist die, daß der Mensch über Nichts zu einer unveränderlichen Ueberzeugung kommt und daß alle seine Urtheile Nichts, als Entschlüsse sind, Entschlüsse, die Sache so oder so anzusehen“ (Tb III, Nr. 3713).

URN urn:nbn:de:0114-qn083203

Dr. Gabrijela Mecky Zaragoza

University of Massachusetts, Amherst

E-Mail: zaragoza@german.umass.edu

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