Kinder – Krisen – Kämpfe

Rezension von Anika Schleinzer

Verein Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen (Hg.):

Ledige Mütter erzählen.

Von Liebe, Krieg, Armut und anderen Umständen.

Wien u.a.: Böhlau Verlag 2008.

302 Seiten, ISBN 978-3-205-77989-6, € 24,90

Abstract: Im vorliegenden Band werden in autobiografischen Aufzeichnungen von dreizehn Österreicherinnen die Lebenswelten von Alleinerziehenden in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wieder lebendig gemacht. Ergänzt wird jede dieser – teilweise gekürzten – Erzählungen durch einen vorangestellten Regest, im Vorwort werden die einzelnen Geschichten zusammenfassend in die österreichische Sozialgeschichte eingeordnet. Im Anhang finden sich ein Glossar sowie Fotografien aus dem Privatbestand der Autorinnen. In gelungener Weise wird hier populare Autobiografik mit den Mitteln kritischer Quellenedition präsentiert. Der Sammelband ist daher sowohl interessierten Laiinnen und Laien als auch für die wissenschaftliche Arbeit zu empfehlen.

Im Jahr 1983 begründete der Historiker Michael Mitterauer am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte in Wien die „Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen“, ein Textarchiv, in dem bis heute über 3000 autobiografische Zeugnisse gesammelt wurden. Einige dieser Erinnerungsstücke wurden seitdem, kritisch aufbereitet, in der Editionsreihe „Damit es nicht verloren geht…“ in Einzelmonografien oder thematisch gegliederten Sammelbänden herausgegeben. Es kommen vor allem die Menschen zu Wort, die bis zur sozialgeschichtlichen Wende als irrelevante Objekte der Geschichte verstanden worden waren und für deren Lebenswelten man sich wenig interessierte. Die vorliegende Publikation (Bd. 59 der Reihe) nimmt sich exklusiv einer speziell weiblichen Außenseitererfahrung an und lässt Ledige Mütter erzählen.

Dreizehn persönliche Aufzeichnungen wurden, nach nicht näher erläuterten Kriterien, zur Veröffentlichung ausgewählt. Sie sind nach Geburtsjahren ihrer österreichischen Verfasserinnen – von 1889 bis 1939 – angeordnet. Abgedruckt wurden nicht nur die Textpassagen über die uneheliche Mutterschaft, sondern die (teilweise gekürzte) gesamte Lebenserzählung. Diese ist meist geprägt von Erinnerungen an Verlust und Entbehrung – alle Frauen entstammten Familien der (ländlichen) Unterschicht – die sich mit der immer ungeplanten und recht frühen unehelichen Schwangerschaft zur existenziellen Lebenskrise zuspitzten. Nur mit äußerster Kraftanstrengung gelang es den Müttern, die materielle Existenz für sich und das Kind zu sichern und gleichzeitig dem psychischen Druck standzuhalten, den sie von Seiten des Kindsvaters, der Familie oder der Gesellschaft erfuhren.

Ein jeder Erzählung vorangestellter quellenkritischer Regest ergänzt die subjektive Eigensicht der Autorinnen: Entstehung, Beschaffenheit und Bearbeitung des Originalmanuskripts werden erläutert; die wichtigsten biografischen Stationen und zentralen lebensgeschichtlichen Leitthemen der Frauen textimmanent zusammengefasst und, wo nötig, durch weitere (aus autobiografischen Schriften oder Interviews gewonnene) Erkenntnisse ergänzt. Ein Glossar im Anhang vervollständigt die kritische Aufbereitung der Texte. Politische und religiöse Ereignisse, auf die die Autorinnen unkommentiert Bezug nehmen, werden darin ebenso erläutert wie Begriffe aus den Dialekten der alpenländischen Herkunftsregionen. Schließlich ermöglichen es die ebenfalls im Anhang abgedruckten Fotografien, die die Frauen zur Verfügung stellten, die durch persönliche Aufzeichnung und förmliche Kritik heraufbeschworenen Bilder noch weiter zu schärfen.

Jede der dreizehn einzeln aufbereiteten Geschichten ist so aus sich heraus verständlich. Sie können nacheinander oder einzeln gelesen werden. Die strukturellen Verbindungen der Erzählungen miteinander werden im Vorwort der Edition geknüpft. Hier werden die zentralen Lebensabschnitte und -themen, etwa die Kindheit oder soziale Diskriminierung, anhand beispielhafter Zitate aus den Texten offengelegt, in Beziehung gesetzt und eingebunden in größere sozialgeschichtliche Zusammenhänge. Damit wird eine weitere Perspektive auf das persönliche Zeugnis ermöglicht.

Kindheit und Jugend

Die wenigsten Frauen zentrieren ihre Lebensgeschichte auf die einschneidende Erfahrung unehelicher Mutterschaft, sondern verharren im Gegenteil vor allem in Erinnerungen an die eigene Kindheit. Auch diese Passagen wurden möglichst vollständig abgedruckt, zum einen – hier folgt man Praktiken die in der Oral History entwickelt wurden – um das Selbstbild der Autorinnen in all seinen Facetten zu erhalten; zum anderen weil gerade diese frühen Jahren in der individualbiografischen Gesamtkonstruktion eine besondere Bedeutung haben, wurde hier doch „das Potenzial der Lebensbewältigung“ (S. 11) aufgebaut, welches darüber entschied, wie die Frauen ihre persönliche Krisensituation meistern konnten.

Die Beschreibungen der Sozialisationsmilieus ähneln sich, fast alle Frauen wuchsen in bäuerlichen, seltener städtischen Unterschichtenfamilien auf. Amalia Berens Kindheit (S. 67–87) fällt deutlich aus dem Rahmen, weil die Tochter eines Großbauern und örtlichen Bürgermeisters auf viele unbeschwerte Momente und Annehmlichkeiten zurückblicken kann. Von Freizeit, Genuss und Zerstreuung ist in den anderen Geschichten kaum die Rede, Kindheit erscheint häufig noch nicht einmal als abgrenzbare Lebensphase, ist sie doch genauso von Armut, Arbeit und Verlust bestimmt wie das spätere Erwachsenenleben. Im elterlichen Betrieb musste man von klein auf mithelfen, später dann – ungefähr im Alter zwischen 12 und 16 – wurden die Mädchen traditionell von der Herkunftsfamilie ‚abgestoßen‘ und mussten ihr Auskommen andern Orts verdienen. Gab es viele Geschwister, starben oder erkrankten die Eltern, musste man oft schon früher gehen und für die eigene Existenz sorgen. Eine qualifizierte Ausbildung oder auch nur eine abgeschlossene Schulbildung blieb für viele Frauen ein unerfüllter Traum.

Partnerschaft

In vielen Geschichten wird die Phase der Schwangerschaft vollständig ausgeblendet, geschweige denn, dass über die näheren Umstände der Zeugung berichtet wird. Häufig wird der Vater des Kindes nicht einmal beim Namen genannt: „Ich war dann schwanger“ (S. 191), unterbricht Ernestine Hieger (S. 185–204) die detaillierte Schilderung ihrer Wohnungssuche in Wien. Über den dafür mitverantwortlichen „Casanova“, der sich schnell aus dem Staub machte, erfahren wir weiter nichts. Anna Neubauer (S. 105–116) erzählt: „Bald lernte ich den Nachbarssohn kennen, und so wurden wir zwei gute Freunde. Ich konnte ihm von Freud und Leid erzählen, und was ich alles erlebt hatte. Ich tat ihm sehr leid. Aber es dauerte nicht lange“ (S. 13, 112). Der Mann fiel im Zweiten Weltkrieg. Auch die Beziehung zu einem – wie wir im Regest zu Amalia Gugers Geschichte (S. 117–123) erfahren – „real ausgesprochen verantwortungsvolle(n) Vater [der sich] Zeit seines Lebens um das Wohl seiner unehelichen Tochter und deren Nachkommen bemüht[e]“ (S. 117), wird nur knapp erwähnt: „Hätte ich den verdienten Lohn erhalten, wie leicht hätte ich den Kindesvater geheiratet. So aber nicht, da die Möglichkeiten fehlten“ (S. 121).

Die Hilflosigkeit – oder ist es absichtliche Verweigerung – der Autorinnen, Worte für ihre gescheiterten Beziehungen und die dramatische Erfahrung unehelicher Schwangerschaft zu finden, ist nicht allein der zeitgenössischen viktorianischen Sexualmoral geschuldet. Ohne das Wissen um die von Arbeit und Not geprägte Kindheit der Frauen lassen sich die fragmentarischen Bemerkungen nicht verstehen. Ob nun aufgrund von Konventionen, Krieg oder mangelnder Bindungsbereitschaft (oder gar aller drei ‚Schicksalsschläge‘ wie in der Geschichte Anna Kaufmanns, S. 125–132): die Hoffnungen der Frauen auf eine nachträgliche Eheschließung mit dem Kindsvater wurden enttäuscht. Keine durfte sich jedoch von Trauer oder Scham hinreißen lassen, ihre Gefühle mussten die Frauen verdrängen und so schnell wie möglich wieder funktionieren. Denn, das hatten sie von klein auf verinnerlicht, ihre (und nun auch des Kindes) Existenzgrundlage oder deutlicher – das nackte Überleben – hing ausschließlich von der eigenen Arbeitskraft ab. So konnte sich auch Anna Neubauer nach dem Tod ihres Freundes keine ‚Trauerzeit‘ erlauben: „Es war Sommer, die Heuernte begann und bald darauf auch die Getreideernte. Ich musste fest auf den Feldern mitarbeiten. Wer erbarmte sich schon einer ledigen Magd, die ein Kind bekommt“ (S. 112)?

Ledige Mutterschaft

Die Lebensgeschichten der ledigen Mütter unterscheiden sich in ihrer je eigenen Tragik und bezüglich individueller Bewältigungsstrategien, ausnahmslos aber sind sie „gerade für die Zeit nach der Geburt zumeist bewegende Leidensgeschichten“ (S. 21).

Der ungewollte Verstoß gegen einen, gerade im ländlich-traditionalen Milieu noch fest verankerten und rigoros verfochtenen Moralkodex, der die standesgemäße Ehe als unverzichtbare Basis der Familiengründung festschrieb, wurde mit schonungsloser familiärer und gesellschaftlicher Ächtung bestraft. Elfrieda Geissler-Scheibner (S. 217–254) beschreibt die heftigen Anfeindungen, denen sie ausgesetzt war, nachdem bekannt wurde, dass sie als Magd vom Hoferben ein Kind erwartete: „Die alte Bäuerin redete mit mir kein Wort mehr. Böse Blicke, welche mich fast zu Boden drückten, warf sie mir zu, denn in so einem christlichen Haus, sagte sie, sei das die größte Schande, die ich ihnen antun konnte.“ Nachdem die Heuernte mit ihrer Hilfe eingebracht worden war, wurde die Hochschwangere, die von ihrem kargen Lohn keinen Pfennig hatte sparen können, hinausgeworfen.

Der Ausschluss aus der Herkunftsfamilie und den Netzwerken der dörflichen Gemeinschaft war in einer Zeit, in der die Sicherungssysteme des Staates deren Funktionen noch nicht ersetzen konnten, besonders fatal. Die ledigen Mütter waren nicht nur sozial isoliert, sie mussten auch, aus einer ohnehin schon prekären wirtschaftlichen Situation heraus, völlig auf sich gestellt, ihre und des Kindes Existenz sichern. Brachten Sie das Geld zusammen, konnten die Kinder vorübergehend auf einer Pflegestelle versorgt werden, nicht selten aber war eine ledige Mutter gezwungen ihr Kind zur Adoption freizugeben.

Viele Autorinnen sprechen im Rückblick auf ihr Leben erstmals offen über die häufig Jahre dauernde physische und psychische Überforderung, über ihre Ängste und die Verzweiflung in einer aussichtslos scheinenden Lage, in der sie niemand unterstützte. Die Arbeit bis zur völligen Erschöpfung ist Thema, der Zusammenbruch unter der Last der Verantwortung für ein, manchmal mehrere ganz junge Leben. Ernestine Hieger setzte einen Gedanken, mit dem sich viele der Frauen trugen, in die Tat um: „Am Abend mach‘ ich die Kinder besonders schön, schiebe das Bett in die Küche, lege mich, nachdem ich den Gashahn geöffnet habe, zu ihnen. Nur das fürchterliche Zischen des Gases und der Gedanke:,Was, wenn ich nur allein weg bin?‘, ließen mich das Gas wieder abdrehen“ (S. 198).

Alter

Die Diskriminierung als ledige Mutter und der folglich einsame Kampf um das tägliche (Über-)Leben zieht sich in einigen Geschichten als traurige biografische Konstante manchmal bis zum Lebensende durch. Anna Kaufmann resümiert, dass sich alle düsteren Prophezeiungen einer Zigeunerin, die ihr im Alter von 17 Jahren die Hand las, erfüllten: „[…] ich werde Mutter von fünf Kindern, mir werden einige Männer sterben, ich werde stark nervenkrank […]. Es kam alles so, bis auf das Glück“ (S. 127).

Die meisten Frauen erfuhren jedoch noch – eher später als früher – auch persönliche Zufriedenheit und können ihre Lebensgeschichte daher rückblickend teilweise als Erfolgsgeschichte interpretieren. Ernestine Hieger zieht folgende Bilanz: „Meine Familie ist sehr groß geworden. Aber kein Kind wurde ohne Lebensberechtigung geboren oder allein gelassen. […] Ich wollte schon sterben, wollte meine beiden Kinder mit in den Tod nehmen. Mit Todesverachtung, Selbstüberwindung und Humor habe ich es doch geschafft“ (S. 202 f.).

Fazit

Der Sammelband Ledige Mütter erzählen wird dem selbst gesetzten Anspruch seines Herausgebergremiums „[…] schriftliche Lebenserinnerungen […] als historisch-kulturwissenschaftliche Quellen zu erfassen und nutzbar zu machen“ (http://wirtges.univie.ac.at/TCgi/TCgi.cgi?target=home&P_KatSub=79, 15.6.09), mehr als gerecht. Die Texte sind nicht einfach nur zusammengestellt, sondern in mehrfacher Hinsicht gut ausgewählt, (wenn auch die dieser Auswahl zugrunde liegenden Kriterien leider nicht explizit gemacht werden): Sie decken einen Zeitraum ab, dessen sozio-strukturelle Charakteristika in der Vielfalt der Geschichten erkennbar bleiben, und lassen gleichzeitig in der chronologischen Gliederung Wandel erkennen.

Die Erzählungen wurden nicht nur „nutzbar gemacht“, indem die einführenden Regesten und editorischen Nachworte ihren Bearbeitungsprozess reflektieren und sie quellenkritisch erschließen; sondern sie wurden feinfühlig bearbeitet, wie die Zusammenfassungen der wichtigsten biografischen Stationen und lebensgeschichtlichen Leitmotive verdeutlichen. Von einem einfühlsamen Umgang mit diesen persönlichen Erinnerungen zeugt auch das Vorwort, in dem die individuelle Geschichte fachkundig in der Sozialgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eingebettet wird. Leider fehlt ein Überblick zum Stand der Forschung der über die, sicherlich sehr aufschlussreiche, Behandlung der Illegitimität in den anderen Bänden der Editionsreihe hinausgeht. Auch wären zumindest einige bibliografische Angaben im Anhang eine Bereicherung gewesen.

Dennoch, insgesamt ist es gelungen, die uneheliche Mutterschaft als Thema des Sammelbandes in den Vordergrund zu stellen – ohne diese Erfahrung zu sehr aus den individuellen Lebenskonstruktionen herauszulösen. Historiker/-innen der Alltagsgeschichte, besonders jenen, die an geschlechtergeschichtlichen Fragestellungen interessiert sind, liegt damit eine fundiert bearbeitete, sinnvoll strukturierte Quellensammlung zu einem lange tabuisierten Thema vor; alle anderen Leserkreise dürfen sich von den ergreifenden Erzählungen ‚einfach nur so‘ in ihren Bann ziehen lassen.

URN urn:nbn:de:0114-qn102175

Anika Schleinzer, M.A.

RWTH Aachen

Historisches Institut der RWTH Aachen, Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte

E-Mail: anika.schleinzer@rwth-aachen.de

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